Ich bin gestorben dem Weltgetümmel / Und ruh’ in einem stillen Gebiet, / ich leb’ allein in meinem Himmel, / In meinem Lieben, in meinem Lied.
(aus: Ich bin der Welt abhanden gekommen, Gustav Mahler, Friedrich Rückert)

In der dritten Ausgabe des Wettbewerbs „Das Lied – International Song Competition“ im Jahr 2013 stehen vier Komponisten auf dem Programm: Gustav Mahler, Richard Strauss, Claude Debussy und Maurice Ravel. Damit setzen wir unsere Zeitreise fort, die zuvor von Schubert und Schumann (2009) zu Brahms und Wolf (2011) führte. Die Auswahl der Komponisten für den kommenden Wettbewerb setzt dabei ebenso auf Kontinuitäten, Verwandtschaften und Parallelen wie auf spannungsvolle Kontraste. Gustav Mahler hält sicherlich den stärksten Kontakt zu den Komponisten der ersten beiden Jahrgänge: Er teilt mit Hugo Wolf, den er gut kannte, das Geburtsjahr 1860, musikalisch treffen sich beide gerade in ihrem Interesse für die Gattung des Lieds. Wohl kein Komponist hat nach Schubert und Brahms den Tonfall des Volkslieds so mühelos getroffen und in einer zugleich ganz unverkennbar individuellen musikalischen Sprache zum Ausdruck gebracht wie Mahler. Mit Schumann verbindet ihn die Affinität zur Welt des Kindes.

Ravel und Debussy wiederum haben Werke Schumanns transkribiert, Debussy hat wie dieser sein Liedwerk in enger Tuchfühlung mit der „modernen“ Lyrik der eigenen Zeit geschaffen (hier Eichendorff, Heine und Mörike, dort Baudelaire, Mallarmé und Verlaine). Mahler dagegen beschränkte sich bei der Textauswahl seiner Lieder auf Selbstgeschriebenes und Dichtungen der Frühromantik und Klassik. Die einander so fernen Welten von Strauss und Ravel schließlich berühren sich am ehesten gerade im Interesse an fernen Welten, in der Hinwendung zu exotischen Stoffen.

Obwohl die vier Komponisten zur selben Generation gehören und ausnahmslos in den 60er bzw. 70er Jahren des 19. Jahrhunderts geboren wurden, war die Zeit vom preußisch- französischen Krieg über die deutsche Reichsgründung bis zu den Weltkriegen einer vorurteilsfreien Wahrnehmung zwischen deutschsprachigen und französischen Komponisten nicht günstig. Strauss sah sich selbst als Inbegriff eines „deutschen“ Musikers, Debussy ließ sich den Spitznamen „Claude de France“ gefallen. Die verdeckt oder auch offen feindselige Atmosphäre in der Musikkultur beider Länder setzte dabei nur eine Tradition der Missverständnisse und beiderseitigen Dominanzgesten im 19. Jahrhundert fort. Der Wettbewerb ermöglicht in dieser Hinsicht nicht nur die Begegnung mit dem hierzulande wenig bekannten französischen Kunstlied, er erlaubt auch einen unvoreingenommenen Vergleich von deutscher und französischer Musik an der Schwelle zur Moderne. Nichts verbindet schließlich Mahler und Strauss, Debussy und Ravel so stark miteinander, wie die allen gemeinsame Meisterschaft in der Instrumentationskunst. Zur Gattung des Orchesterlieds, die in Deutschland mit Hugo Wolf beginnt, haben alle vier Komponisten beigetragen, auch wenn sich nur bei Strauss gelegentlich der vokale Gestus zum Opernhaften hin öffnet. Der Wettbewerb bleibt zwar bei der intimen Paarung von Stimme und Klavier, die Sänger und Sängerinnen, Pianisten und Pianistinnen dürfen sich aber in Klangentfaltung und Farbgebung bemühen, imaginär die Instrumente des Orchesters mitspielen zu lassen.